Was bringt knapp 100 Mountainbiker dazu, sich bei frostigen Temperaturen und kaltfeuchtem Nebel am Ende eines Tales in der Früh zu treffen – und dann das Bike für die nächsten zwei Stunden durch den Schnee zu schieben? Genau – ein gemeinsames Anliegen! Wir wollen das Bike in Zukunft nicht mehr schieben müssen, sondern ganz legal und endlich auch herzlich willkommen dort fahren dürfen.
Bei eisigen Temperaturen gibt es ein warmes Willkommen durch das upmove-Team am Parkplatz. Alle machen sich bereit zur Abfahrt, pardon, zum Abmarsch. Schnell noch ein Tratscherl mit den Freunden, ein Kennenlernen von Facebook-Freunden und small talk mit unbekannten Gleichgesinnten. Damit unser Anliegen auch in’s rechte Bild gerückt wird, dirigiert das upmove-Duo Andreas Pfaffenbichler und Dietmar Gruber die knapp 100 Biker am Parkplatz herum und direkt vor die Linsen der Kameras: Es sollen schließlich der ORF Steiermark und auch die beiden Fotografen die Aktion medienwirksam festhalten können. Die Einstellungen sind im Kasten, es darf nun getrutzt werden – diesmal unter dem uniformierten Auge der Polizei.
Waren die Polizisten bei der ersten Trutzpartie noch in zivil aber da ohne Bike doch auch schnell erkennbar dabei, so waren in Schladming die beiden Polizisten diskret und beim Abstieg an einer angeblich lawinengefärdeten Stelle doch sehr um uns besorgt.
VorgeschichteMoment. Warum treffen wir uns ausgerechnet am Parkplatz vom Riesachsee? Nun, daran bin auch ich ein wenig Schuld - und auch ein gewisser Herr Pilz. Vor mehr als 20 Jahren schrieb ich einen Mountainbikeführer über die Steiermark und eine beschriebene Bikestrecke ging von Schladming durchs Untertal zum Riesachsee und weiter bis zur Kotalm hinauf. Und weil Bikebergsteigen damals noch ganz neu war und der Guide das „Bike&Hike“-Prinzip hatte, ging ich zu Fuß auf’s Kieseck weiter. Heute würde ich das Bike auf jeden Fall auf einen Berg mitnehmen.
Rund 20 Jahre später trägt der Herr Pilz seinen Teil zu dieser Trutzpartie bei: Im August des heurigen Jahres fährt der Bitzan Paul meiner Idee nach und wird dabei beobachtet. Bei der Abfahrt wird er nahe des Riesachsees vom Aufsichtsförster aufgehalten und als sich Paul für seine beschuldigte Tat nicht entschuldigen will, wird er abgestraft. Nach dem Motto: Je uneinsichtiger, desto teurer wird es angeblich. Am Ende werden eine Verwaltungsstrafe mit € 80, eine Besitzstörungsklage mit € 250 und für ein Anwaltschreiben € 120 eingefordert. Lakonischer Nachsatz: Die € 250 werden ausschließlich zur Forststraßenerhaltung verwendet.
link zum pdf von pauls strafanzeige und einspruchBikeparadies oder Abzock-Strecke?Dank Paul haben wir erfahren, dass besagter Aufsichtsförster, Herr Pilz, an dieser Stelle schon zahlreiche Mountainbiker erwischt hat, denn in den letzten Jahren hätten es nicht mehr als 10 Biker am Förster vorbei zur Kotalm geschafft, so die Wirtin auf der Kotalm. Reumütige Biker lässt er eventuell nach einer Ermahnung die Straße hinunter schieben, aufmüpfige werden angezeigt und müssen unterschiedlich mehr bezahlen. Ist das die Antwort der Forstverwaltung auf die Tourismuswerbung der Region Schladming-Dachstein, die in den letzten Jahren massiv um die Gunst der Mountainbiker geworben hat? Wer wird von wem unter Druck gesetzt?
Oder soll der Druck auf "Rebellen" in der Steiermark landesweit erhöht werden? Denn offenbar sind Schwammerlsucher und Mountainbiker in die Schusslinie der Forstbeamten geraten und zum Anlassfall und Übungsinhalt eigener Seminare geworden. Hoffentlich steht am Ende nicht die Ausbildung zum Forst-Sheriff am Programm.
Link Seminar zur Ausbildung Forstaufsichtsorgan - ForstsheriffDie letzte Novelle des Jagdschutzgesetzes lässt befürchten, dass genau das erreicht werden soll: Aufsichtsjägern soll zunehmend mehr polizeiliche Rechte zugestanden werden. So soll es ihnen in Zukunft ermöglicht werden, Autos auf Verdacht zu durchsuchen, Verdächtige auch über die Aufsichtsgrenzen hinaus zu verfolgen und festzunehmen. Ausserdem soll ihnen das Recht der Beschlagnahme von Objekten zugestanden werden.
Auch wenn vom Jägerschaft bedauert wird, dass damit den Wilderern Einhalt geboten werden soll, so besteht rechtlich die Möglichkeit, einen Radfahrer auf einer Forststraße festzunehmen und dessen Bike zu beschlagnahmen.
Bericht Kleine Zeitung: Neue Rechte für Jäger regen aufEigenartig ist, dass die vom Tourismusverband beworbene Tour „Mountainbike-Lehrpfad“ im Untertal zwar bis zum Parkplatz Riesachsee beschrieben wird, die in der Karte eingezeichnete Strecke den Biker aber beim Wirtshaus „Zur Weissen Wand“ wenden lässt. Diktieren hier Grundbesitzer, Jägerschaft oder Forstverwaltung, wo Biker besser schon umdrehen sollen? Und was mir der „Lehrpfad“ erzählen will, bleibt die Tourismuswerbung auch schuldig. Hoffentlich keine Selbstverständlichkeiten als Ermahnungen formuliert, z.B. dass wir einen Helm aufsetzen sollen und die Natur respektieren sollen. Ich habe es leider schon zu oft lesen müssen...
link schladming websiteWir trutzen dem „No Biking“-SchildAm Beginn der Riesachsee-Forststraße steht nicht nur das obligate Fahrverbotsschild mit dem sinnfreien „Gilt auch für Mountainbiker“-Zusatz, sondern ein beleidigendes, eigens gefertigtes Schild, das dem hier ungebetenen Biker erklärt, dass er nur durch seine Abwesenheit die Stimmung der Grundbesitzer heben würde. So sicher nicht meine Herrn!
Wir gehen los, schieben über den knirschenden Schnee unsere Bikes bergauf. Am Schranken, nochmals extra mit dem Fahrverbot für Mountainbiker versehen – jetzt fühlen wir uns aber wirklich herausgefordert! – heben wir recht medienwirksam die Bikes darüber, springen selbst darüber hinweg oder schlupfen unten durch!
Während des Aufmarsches ist natürlich Zeit mit den anderen Trutzern zu reden, und auch wenn wir alle aus oft ganz unterschiedlichen geografischen und beruflichen Richtungen kommen, so haben wir ein gemeinsames Grundverständnis und Ziel, das uns zusammenbringt.
Die Sonne bricht langsam durch den Morgennebel durch, die einzelnen Strahlen finden ihren Weg durch die Baumwipfel, wir saugen die Stimmung mit all unseren Sinnen auf – das belebt! Genau für solch magische Momente sind wir in den Bergen unterwegs. Wir sollen Adrenalinjunkies sein, die mit dem Bike nur bergabschießen und auf die Natur keine Rücksicht nehmen? Einfach lächerlich!
Nach einer knappen Stunde und gegen Ende der Straße nimmt die Schneehöhe nochmals deutlich zu. Auf dem nur mehr fußbreit ausgetretenen Weg schultern wird unsere Bikes; nur wenige von uns lassen sie am Wegrand zurück.
Ziel erreichtDer Riesachsee erstrahlt an diesem Wintertag in seiner ganzen Pracht, die Berge rundherum sind schon tief verschneit, ein blitzblauer Himmel über uns, die Sonne scheint uns ins Gesicht, lauter fröhliche Gesichter, unsere Zufriedenheit ist spürbar. Zufriedenheit nicht nur über den perfekten Tag, den wir hier gemeinsam verbringen, sondern auch Befriedigung darüber, dass wir gemeinsam für unser Ziel eingetreten sind. Unter dem „Gemeinsam am Weg!“-Banner platzieren wir uns und setzen hoffentlich ein positives Zeichen für die Zukunft.
NachsatzWir haben ein klares Ziel vor Augen und strecken dabei die Hand aus für Toleranz und Gemeinsamkeit am Weg.
In Zukunft möge unsere Anwesenheit auch die Herzen der Grundbesitzer erfreuen.
Roland Auferbauer, Autor dieses Artikels, hat sich ehrenamtlich für die Mitwirkung bei upmove entschieden. Darüber freuen wir uns besonders und sagen jetzt schon mal ein großes "Dankeschön"!
Roland ist seit 20 Jahren beruflich selbständig als freier Journalist tätig. Unter anderem hat er auch den Bikeführer geschrieben der Paul beinahe in den Knast geführt hat. Mehr zu Roland hier auf seiner
Facebookseite.
Solltest auch du bei upmove mitwirken wollen, dann schreibe uns eine e-mail auf office@upmove.eu
Anbei noch ein
Link mit den Bildern zur 2.Trutzpartie am Riesachsee.
Klass war’s und nochmals ein herzliches Danke für euer Mitwirken.